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Ich wünschte ich wäre tot, oder was kostet ein Pony ? Teil 2

Bewertung: 2 Stimmen mit einer durchschnittlichen Bewertung von 5,00.
Meine 1. Tour auf dem KTM MTB Kohoroa, oder wie das Ding heißt.

.... ( Zum Teil 1 )



Mütze, Handschuhe, Verbandszeug, 2 Handys, Ersatzschlauch, Werkzeug, eine Flasche Birnen-Saft, Taschentücher... Sonst noch was? Also der Plan ist, rüber zum Nachbardorf.
Sind mindesten 10km durch den Wald, so rechne ich fix nach.
Es geht los!


Alter Falter, wie funktioniert das mit den Gängen? Hier sind 4, 5 oder mehr Hebelchen am Cockpit. „Cockpit“, im Ernst, so nennt man heutzutage den Fahrradlenker. Und Fahrrad heißt übrigens jetzt überall „Bike“. Und der darauf sitzende vermutlich „Bike Assistant Manager“, oder so ähnlich.
Ich fahre los. Bis zum Gartentor. „Geht ja schon mal ganz gut“, denke ich. Rechts abgebogen den Waldweg runter.
Hui,ist das flott!“ Das Ding rollt echt schnell. Und es ist absolut spurtreu, so mit Federung und seinen Scheibenbremsen.
Kein Vergleich mit der Grütze mit der man uns seinerzeit als Kinder beschenkt hat. Mit Rennrädern, die schwerer waren als ein Leopard Panzer und sich auch so fuhren. Dafür bremsten die Dinger wie ein Stück Butter in einer heißen Fritteuse. Nämlich so gut wie gar nicht.


Gut, das ist jetzt alles 1000mal besser. Kostet aber auch 1000mal mehr.
Es geht durch eine verschlammte Wiese. Super, das Fatbike zieht da durch wie nix. Aber es stellt sich ein anderes Problem ein, nämlich meine Kondition.
Ich bin jetzt schon gut 900m gefahren, davon ging es 700m bergab.
Ich mache Pause und denke, „Scheiß die Wand an! Na, das wird ja noch lustig!“ Ich chatte etwas bei whatsapp und teile meine leidvollen Erfahrung mit ein paar Leuten. Sie lachen oder antworten erst gar nicht.

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Ok, ich bike weiter. Richtung nächstes Dorf. Ich will ja zu einem Bekannten da, kurz „Hallo“ sagen.
Es ist noch eine ganze Strecke. Wiese Nr.2 liegt vor mir, zuvor gilt es einen Bach zu durchqueren. Der Wasserstand beträgt ungefährliche 2 oder 3 Zentimeter und kurz danach erreiche ich schon das Dorf. Ich gucke auf den am Cockpit angeclipsten Speedometer, den ich mir bei Shell nach getankten 9000 Litern V Power Racing aussuchen durfte: 2,3km seit Start zurückgelegt! „Ach, erst? Ist das doch so nah? Na guck an.“ Ich bin aber schon 30 Minuten unterwegs.
Ich bike durch das Dorf. Der Hintern tut mir saumäßig weh. Ein weicherer Sattel muss dran. Aber ich habe ja den 200Euro Drehmomentschlüssel, die Montage wäre also kein Problem.
Ich komme an dem Haus meines Bekannten vorbei. Er hat anscheinend Geburtstag, Hochzeit, Todestag oder alles auf einmal. Autos stehen vor der Türe. Ich halte nicht an.
Am Ende des Dorfes grinst mich eine Straße an. Soweit nichts ungewöhnliches, jedoch am Anfang steht das Warnschild „8%Steigung“. Mir ahnt Schlimmes.
Ich rudere in geschätzten 150 Gängen herum. „Irgendwas wird schon passen und dich da hoch bringen,“ beruhige ich mich. Es geht auch erst ganz gut, so circa 150 Meter. Dann muss ich rechts ran. Schnappatmung, Herzrasen, Rücken, Bluthochdruck – Pause! Wie lange braucht wohl der Notarzt, Ostersonntag ? Gibt es hier überhaupt einen? Ich chatte wieder. Versuche Mitleid zu bekommen. Egal wo her.
Ich wische am Routenplaner rum. Geht hier nicht irgendwo was ab? Also ebenerdig, waagerecht. Steigung 0% oder kleiner ? Dahinten erspähe ich ein Feldweg. Geht Richtung nach Hause, gut. Klasse.

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Ich bin fremd hier. Nachbardörfer auf dem Land sind „no go areas“.
Ist ähnlich wie mit einer Bibel in der Hand durch Mekka zu laufen und Hostien zu verteilen: „ Hier mein Bruder für Dich, der Leib unseres Herrn ! Amen.“
Ich versuche unauffällig zu bleiben und radel unbeabsichtigt direkt in einen Vorgarten. Ein Monsterhund rennt auf mich zu. Irgendwas schwarzes mit weißen Streifen. Also kein Zebra, sondern schon ein Hund. Er kläfft. Ich denke an Mekka und die Hostien.
Das Herrchen ruft. „Jetzt wird’s Ernst. Gleich sind die schon zu Zweit“, fährt es mir angstvoll und adrenalin-geschwängert durchs Großhirn.
Der Hund dreht ab. Ich auch. Gott sei Dank.

Die App weist mir einen Weg durch das Dorf raus auf die Felder. ( Ja,ja ich bin immer noch in besagtem Dorf, welches eine Größe von circa 5000qm hat, schätze ich, und 40 Einwohnern. Inklusive dem Monsterdackel.)


Ich fahre an penibel sauberen kleinen Einfamilienhäusern vorbei. Ich grüße verdutzte Sonntagsspaziergänger. Sie grüßen zurück. Das heißt aber nichts.
Ich verlasse das Dorf. Es geht wieder bergauf. „Für die Kohle hätte ich auch ein kleines Motorrad bekommen, oder ein Pony“, rechne ich mir vor. Hier sind Pferdespuren! Also andere haben wohl schon umgesattelt. Die Straße zieht sich. Ich bin jetzt schon insgesamt 3,6km unterwegs, meldet der Shell Speedometer.
Ungemach droht! Am Horizont sehe ich Regen. Regenwolken! Fette dunkle Regenwolken. Armageddon! Ich verlasse kurzentschlossen die Straße, ins Feld. Direkt auf mein Haus zu, also so sagt zumindest die App. Ich bin sowas von außer Puste und der Hintern schmerzt, als hätte ich 4 Monate im Graben von Verdun gelegen. Nein, schlimmer. Verdun war eine weiche Wiese.
Aus dem Augenwinkel sehe ich wie ein Auto stehen bleibt und mir hinterher guckt. Ist ja eigentlich nicht Schlimmes, aber hier sind alle bewaffnet. Alle!
Ich versuche Meter zu machen. Bedrohlich wirken auf mich nun auch plötzlich die ganzen Hochsitze. Hochsitze überall! Ein halbes Dutzend zu meiner Rechten und ebenso zu meiner Linken. Sehe ich einem Reh ähnlich, oder einer Wildsau, so aus 100 Meter Entfernung? Ich weiß es nicht. Mir wird komisch.


Kilometerstand 4! Ich erkenne die Gegend. Hier war ich mal Holz klauen, vor 6 Jahren oder so. Also am Waldrand hier lagen ein paar Stöcke. Ich weiß nicht, ob ich die hätte damals nehmen dürfen. Ich bin eigentlich ein ehrlicher Mensch. Na ja, falls ich jetzt erschossen werde, dann auch als gerechte Strafe wegen damals.
Es geht wieder mal bergauf. Ich sehe aber mein Haus und denke, „Ok., dein Vater war 1943 in Russland und hat es überlebt, du schaffst das also auch irgendwie.“


Mir schlottern die Knie. Beim Absteigen zieht es mir kurz die Beine weg.Der Akku vom Handy ist auch gleich leer. Das Material hat also auch fertig.


Ich checke die App :
Distanz 6,58 km . Durchschnitt 8,5 km/h, Höhenunterschied: 120 m , Dauer: 46 Minuten.
Abspeichern und auf Facebook teilen?“ fragt die App. „Nein nein nein!“, ich drücke alles hektisch um das zu vermeiden.
Das wäre mein sozialer Supergau.


Ich schleppe mich durchgeschwitzt nach oben in die Wohnung. Trinken und hinsetzen. Die geregelte ruhige Atmung kommt langsam wieder zurück.


Lekkomio, was für ein Trip.


Ich checke nochmal das Handy und speichere die gefahrene Route dort ab.
Und die scheiß App fragt tatsächlich: „Bist Du gejoggt?“

( Teil 3 - Eine Nachlese )

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Kommentare

  1. Avatar von Ochnoe
    Danke für die Lacher am Montagmorgen
  2. Avatar von Ollum
    HAHAHA! Sehr gut! Leider funzt Teil 1 nicht
  3. Avatar von floydpink
    Aber ohne Teil 1 nur halb so unterhaltsam.
  4. Avatar von mobil356

    Super, ich gehe auch gleich wieder Radfahren. Meine Frau konnte den ersten Teil voll nachvollziehen. Übrigens nach 1,5 Jahren Training auf dem E-Bike fragt mich die App auch beim "normalen" MTB wieder, warst Du "Rennrad fahren?" In dem Sinne einfach öfter machen, die Touren werden automatisch länger und schneller, das nennt sich Training.

    Gruss Ralf
  5. Avatar von pscbAlex
    Schade dass ich nicht live dabei war...
    Wann kommt der nächste Trip?
  6. Avatar von Andi 968 CS
    sehr schön und unterhaltsam erklärt, das sind die leiden der Anfänger.
    Das wird aber nach ein paar mal fahren immer besser.
    Nicht aufgeben
    Teil 1 geht bei mir leider auch nicht .
  7. Avatar von Tiefflieger
    Deswegen habe ich mir ein E-Bike gekauft
    Dann fahre ich tiefenentspant an den anderen vorbei und trällere vor mich hin: Atemlos ....
  8. Avatar von neue-sitze-tom
    Zitat Zitat von pscbAlex
    Schade dass ich nicht live dabei war...
    Wann kommt der nächste Trip?

    Gleich, wenn ich es auf den Sattel schaffe
  9. Avatar von 924GT
    Hammer, bitte weiterschreiben. Lange nicht mehr so gelacht 😂

    Grüße, Achim
  10. Avatar von Hendrik
    Danke Tom, einfach nur geil geschrieben!

    Einen kleinen Klugscheißer muss ich aber los werden, es hieß: Seid bereit - immer bereit! Oder in der langen Variante: Für Frieden und Sozialismus, seid bereit - .....